Herbert Rittlinger
Herbert Rittlinger
* 26. Dezember 1909 in Leipzig † 12. Juni 1978 in Oed am Rain
Herbert Rittlinger war noch viel mehr als das: Er war
Abenteurer, Schriftsteller, Dichter, Fotograf – auch ein bekannter Akt-Fotograf –, Weltreisender, Kanu-Pionier … Spion im 2. Weltkrieg? Jedenfalls war er aufgrund seiner Tätigkeit für die Nationalsozialistische Regierung etwas umstritten.
Unumstritten jedoch ist bis heute sein selbstverständliches Verständnis für die Natur, auch der Freikörperkultur. Das alles konnte er im Faltboot ausleben, auf vielen Fahrten, bei Reisen in nahe und ferne Länder. Er bzw. sein Gedankengut sind bis heute aktuell. Sein Wesen lebt in allen Paddlern fort – wenn auch in der Regel etwas weniger spektakulär.
Unsterblich gemacht haben ihn seine ungezählten Fotografien und Bücher. Sie wurden oft mehrfach aufgelegt und in andere Sprachen übersetzt. Insbesondere "Das bald verlorene Paradies" (1943) bleibt sein Vermächtnis.
Seine Bücher über seine Reisen spiegeln das absolute Erlebnis in sprachlicher Form. Sie sind amüsant, dramatisch, mit Witz und Ironie gewürzt. Der Leser erlebt mit, leidet mit, genießt und lacht. Rittlingers Sachbücher über den Kanusport (u. a. „Die neue Schule des Kanusports“, 1950) waren seinerzeit unter den Paddlern weit verbreitet.
Seine Fotografien und die von ihm dazu verfassten Lehrbücher (u. a. „Jedenfalls bessere Bilder“, 1969) erstreckten sich auch auf den Bereich der Aktfotografie. 25 Jahre war er ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift "Fotografie".
Geboren 1909 in Leipzig, erlernte Herbert Rittlinger den Beruf des Goldschmieds. Inspiriert von Karl May packte ihn die Sehnsucht nach der Ferne, nach Abenteuer, schon sehr früh. Im jungen Alter von 21 Jahren unternahm er seine erste große Fahrt nach Kreta und ins Ägäische Meer. Bei seiner Reise in die Ostkaparten und nach Kurdistan gelang ihm allein mit dem Faltboot die Erstbefahrung des Goldenen Biestritz‘ und des Euphrats. Daraus resultierte seine erste Fahrtenbeschreibung: „Faltboot stößt vor“ (1934).
Es folgte eine zweijährige Reise in die Südsee und nach Neuguinea. 1936 führte ihn eine 1.600 km lange Tour mit dem Faltboot von den Quellflüssen des Amazonas in 4.100 m Höhe in den Anden bis kurz vor die Mündung in den Ozean („Ich kam die reißenden Flüsse herab“, 1938 + „Im Meer der Ströme und Wälder“, 1949).
34 Jahre lang war Rittlinger der Einzige, der lebend von
einer solchen Reise zurückkehrte. Dennoch sagte er später, dass "kein Gewässer der Welt gefährlicher war als das Wattenmeer der Nordsee" („Amphibische Reise zu den verlorenen Inseln“, 1958).
1938 heiratete er seine Marianne, die er als "Aveckle" in seinen vielen Büchern verewigt hat. Von da an paddelte er zu zweit und einige Jahre später schließlich zu dritt (mit Tochter Judith Rittlinger-Steinbacher). Marianne Rittlinger fertigte viele Zeichnungen zu/in Rittlingers Büchern an.
Während des 2. Weltkriegs diente er zuerst als Soldat in der Propagandakompanie in Frankreich. Als Kaufmann getarnt, leitete er mit seiner Gattin ab 1942 in Istanbul die Residentur „Fremde Heere West“ (Residentur = Vertretung eines Nachrichtendienstes im Ausland). Aus den dortigen Erlebnissen entstand das Buch „Geheimdienst mit beschränkter Haftung“, das 1973 veröffentlicht wurde.
1950 zog die Familie Rittlinger nach Seeon, unweit des Chiemsees. „Ich arbeite, um zu leben - ich lebe nicht, um zu arbeiten", mit diesem Wahlspruch kehrte der Schriftsteller aus der Südsee zurück. Er lebte danach und wurde von seinen oberbayerischen Nachbarn argwöhnisch beäugt, weil er „am helllichten Tag mit seinem Töchterchen spazieren gehen, und – schlimmer noch – an Wochentagen zum Chiemsee radeln und dort baden gehen" konnte. Hier brachte der Autor Herbert Rittlinger die meisten seiner schriftlichen Werke zu Papier.
Es folgten Faltbootfahrten im Wattenmeer, auf dem Roten Meer, dem
Tanasee und Blauen Nil. Rittlingers bereisten mit ihren Faltbooten die Ardèche, die Rhône und das Mittelmeer, die jugoslawische Inselwelt, Oberitalien, Griechenland und die Türkei. 1957 startet die Familie zu ihrem letzten großen Abenteuer ins "Land der Lacandonen" (südliches Mexiko und Guatemala - die Lacandonen sind Nachfahren der Mayas).
Sein letztes Buch "Ich hatte Angst" verfasste der Schriftsteller 1977. Ein Jahr später hatte der Krebs ihn besiegt.
Zu seinem 100. Geburtstag initiierten der Bayerische und Deutsche Kanu-Verband gemeinsam mit dem IKM (Internationale Kanu-Museum) ein Paddelwochende auf dem Chiemsee mit Besuch einer Rittlinger-Ausstellung in Kloster Seeon.
Im Jahr 2006 wurde der Kanu-Pionier in die International Whitewater Hall of Fame aufgenommen.
Uschi Zimmermann (2009 / 2025) / Fotos: Judith Rittlinger-Steinbacher