Oskar Speck - 50.000 Kilometer im Kajak

Ulm – Australien: Oskar Speck paddelte 50.000 Kilometer im Kajak

Oskar Speck

4. März 1907 in Ulm   † 27. März 1993 in Australien


Speck war 1907 in Ulm zur Welt gekommen. Für ihn gab es einen denkbar einfachen Weg: mit seinem 5,5 m langen Pionier-Zweier-Faltboot „Sunnschien“ donauabwärts. Am 14. Mai 1932 machte er sich in Ulm auf die Reise. „Nach jedem gesunden Menschenverstand zu urteilen“, gab Speck später zu: „Ich war verrückt!“

Warum nicht Australien?

Ein Faltboot war schließlich nicht direkt für eine solche Reise übers Meer gebaut. „Um’s Überleben beten und mit aller emotionalen Wut gegen die Elemente arbeiten – so gewinnt man gegen einen Sturm“, beschrieb er seine Strategie. Oskar Speck konnte nicht schwimmen. Er gurtete sich in seinem Boot an, um bei einer Kenterung zu überleben. Gegen den Monsun musste er ankämpfen, zehn Kenterungen überstand er – aber alle passierten, als er durch die Brandung an Land paddeln wollte, niemals auf dem offenen Meer.

Bis Zypern hatte er Geschmack an seinem Abenteuer im Boot gefunden. Den Job wollte er nicht mehr. Vielmehr wollte er mit einer Reise im Faltboot in die Geschichte eingehen. „Warum nicht Australien?“ sagte er sich.

Als Spion verhaftet

Vier Faltboote der Marke Pionier, 45.000 Kilometer, sieben Jahre und ungezählte Abenteuer später erreichte er die Küste von Papua Neu Guinea.  Unterwegs wurde er ausgeraubt, auf ihn wurde geschossen, er hatte Malaria – man verehrte ihn als Gott … Doch die Zeit war nicht stehengeblieben.

Als Speck im September in Saibai Island an Land ging, hisste er die Hakenkreuzfahne. Dass inzwischen der Zweite Weltkrieg begonnen hatte, wusste er nicht. Prompt wurde er als Nazi-Spion verhaftet und verbrachte sechs Jahre in Kriegsgefangenschaft. Erst 1945 erhielt er seine Freiheit zurück.

Die Aufzeichnungen seiner Reise im Kajak um die halbe Welt machten Oskar Speck berühmt. Überall sonnte man sich in seiner Gesellschaft und in seiner Freundschaft. Aber nur in Australien wurde er zu einer Art Volksheld. Seine Tagebücher und seine Ausrüstung sind heute im National Maritime Museum in Sydney ausgestellt. Oskar Speck starb 1993. Er hat seine Heimat nie mehr wiedergesehen.

Die Reise

In Deutschland hatte sich der Abenteurer schon vor 1932 einen Namen als Kanusportler gemacht. Als er dann von seiner Reise aus Griechenland, Zypern oder Indien Berichte nach Hause schickte, erwarb er sich den Ruf des „erfahrensten Kanuspezialisten der Welt“, wie er in seinem Tagebuch schrieb.

Für seinen Weg nach Australien suchte sich Speck eine manchmal ungewöhnliche Route aus. Statt der Donau bis ins Schwarze Meer zu folgen, nahm er von der bulgarischen Grenze den Landweg bis nach Skopje. Die Donau war ihm zu zahm geworden. Mehr Nervenkitzel fand er in den Schluchten des Flusses Varda, der bis dato noch nie befahren worden war. Bis Veles (Mazedonien) war die Hälfte seines Gestänges gebrochen. Die Haut musste er zur Reparatur nach Deutschland schicken.

In Thessaloniki erreichte Speck das Meer. Er paddelte an der griechischen (nicht türkischen!) Küste entlang, zwischen dem Festland und der Insel Euböa bis an den südlichen Zipfel der Halbinsel Attika. Dann querte er über die Inselkette der Kykladen an die südliche Mittelmeerküste der Türkei und umrundete Zypern westwärts nach Limassol und Larnaka.

Oskar Speck entschied sich für den Landweg durch Syrien nach Meskene am oberen Euphrat. Während er eines Nachts im Faltboot auf dem Euphrat trieb – das Paddel musste er der Strömung wegen nur gelegentlich einsetzen – hörte er zwei Schüsse, die auf ihn abgefeuert wurden. Verzweifelt paddelte er, aber in die falsche Richtung: stromaufwärts. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen und ließ sich auf der dunklen Uferseite stromabwärts treiben. Er vernahm zwar das Gespräch von Männern, aber es wurde nicht noch einmal auf ihn geschossen.

Über seine Reise an der persischen Küste könne er ein ganzes Buch schreiben, meinte Speck später. Dieses „in Korruption verlorene Land“ veranlasste ihn zu dem Schwur, nie wieder durch Persien reisen und auch nicht darüber fliegen zu wollen. Hier wurde ihm das Boot gestohlen, als er auf der Suche nach einer Ansiedlung und nach etwas zu essen war.

Im Boot waren sein Geld, sein Reisepass und sein ganzer Besitz. Nur das Hemd und die Hose, die er am Leib trug, waren ihm geblieben. Erst als er angab, er sein ein Gast des Schahs von Persien - und die Aussicht auf das Geld, das im Boot geblieben war –, veranlasste dies die Polizei zu einer Suchaktion. Sie fanden das Faltboot quer über einer Dhau liegend – der Inhalt vollkommen unversehrt. Um das Boot auszulösen, musste Speck die Hälfte seines Geldes opfern. Diese Geschichte wanderte die indische Küste hinab, schneller als Speck in seinem Kajak paddeln konnte.

Der Gouverneur von Britisch Belutschistan, Sir Norman Carter, ließ für Speck eine ganze Jagdgesellschaft stehen, um ihm zu gratulieren und auf seine Fahrt anzustoßen. Zwei eifersüchtige Maharadschas mussten so lange vor der Türe warten, bis die Jagd begann.

Am 13. Mai 1935, drei Jahre nach seiner Abreise in Ulm, erreicht Oskar Speck Colombo. Zwischen Rangun und Birma geriet er in einen Monsun-Regen, der ihn weit hinaus aufs Meer trieb. Ständig gegen den Sturm ankämpfend, fand er sich am nächsten Morgen an fast der gleichen Stelle wie zuvor. Zurück am Ufer, fühlte er sich wie betrunken. Die klammen Hände schmerzten fürchterlich, hielten sie doch über 30 Stunden das Paddel fest umklammert. Die Erschöpfung ließ ihn seinen Zeitplan vergessen. Speck erholte sich einige Tage lang – auch im Bewusstsein, dass möglicherweise weitere Strapazen auf ihn zukommen könnten.

In Singapur wartete ein neues Kajak auf ihn, mit dem er sich nach Sumatra aufmachte. In Nord-Bali erkrankte er schwer an Malaria. Im weiteren Verlauf seiner Reise veränderte sich das Verhalten der Eingeborenen ihm gegenüber. Eines Nachts wurde er überfallen, gefesselt, zusammengeschlagen und getreten, mit der Machete an der Kehle bedroht … Nach stundenlangem Martyrium gelang es ihm, sich selbst zu befreien. Bei diesem Überfall wurde Specks Trommelfell zerstört. Es dauerte vier Monate, bis er nach einer Operation wieder fit war.

Ein Jahr nach dem Überfall verließ er Saumlaki in einem neuen Faltboot, überquerte das Meer zu den Kei-Inseln und nahm dann die Tour von Insel zu Insel nach Neu Guinea in Angriff.

Als er in der ersten holländischen Verwaltungsbehörde ankam, bereitete er den Beamten Kopfzerbrechen. Sie wussten nicht, ob sie ihn gefangen nehmen oder weiterfahren lassen sollten. Schließlich traf die Erlaubnis ein, und Oskar Speck erreichte nach sieben Jahren auf der Saibai-Insel (Australien) sein Ziel. Als Speck 1939 vor Australien landete, hisste er die Hakenkreuzfahne - nicht wissend, dass der Zweite Weltkrieg schon begonnen hatte. Prompt wurde er als Kriegsgefangener interniert.

Australien stellte sich für den Abenteurer als Volltreffer heraus. Mit dem Edelsteinhandel baute er sich in Pittwater bei Sydney eine neue Existenz auf. Zwar hoffte er, Deutschland irgendwann einmal wieder besuchen zu können, aber das ließ sich nicht umsetzen. Australien war Oskar Speck zur neuen Heimat geworden. Heute findet man seine Ausrüstung im Australian National Maritime Museum in Sydney.

Uschi Zimmermann (kanu-kurier 4/2011)

In den Jahren 2011 bis 2016 paddelte die Australierin Sandy Robson auf den Spuren Oskar Specks. Sie legte dabei in 650 Paddeltage an die 22.753 Kilometer zurück. Siehe auch Artikel aus kanu-kurier Nr. 4/2011 und DKV-Homepage.

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