Pionier Faltboot-Werft, Bad Tölz (1925 - 1970)

Von 1925 bis 1970 produzierte die Pionier-Faltbootwerft in Bad Tölz Boote, die aufgrund ihrer ausgereiften Konstruktion, Qualität und Haltbarkeit denen des Marktführers Klepper in Rosenheim ebenbürtig waren. Über viele Jahre wurden auch extrem wetterfeste Zelte* und Zubehör hergestellt.

Die Tölzer Werft wurde von drei Münchnern gegründet: dem Flugzeug-Ingenieur Hermann Locher, dem Kaufmann Hans Hoeflmayr und seiner Schwester Marianne Reichlin von Meldegg. Den Namen „Pionier“ gab Hoeflmayr dem Unternehmen, weil er als Pionier im Militär gedient und dabei mit Faltbooten zu tun hatte.

Emanuel Schucan war in den 1930er Jahren der zweite Ingenieur der Pionier-Faltbootwerft. Er hat vieles entwickelt, konnte sich bei Pionier aber nicht mit all seinen Innovationen durchsetzen.

Das erste Boot, das Locher in Tölz baute, war die „Mosella“, ein „Wandereiner E“. Er kostete 175,- Mark, der dazugehörige Rucksack, Stabtasche, Tragegurt, Doppelpaddel und Spritzdecke im Konvolut zusätzlich 42,50 Mark.

Neben dem „Großen Reisezweier R“ kamen im Laufe der Jahre zahlreiche weitere Modelle hinzu, vom Wander- bis zum Leistungssport. In Tölz wurde die „Schwedenform“ (breiteste Stelle hinter der Bootsmitte und schmaler, spitzer Bug) entwickelt.

„Die Modelle JF1 und JF2 waren erfolgreiche Regattaboote mit T-Kiel, zug- und druckfesten Vierkantsenten, Rennsteven und einer Stromlinien-Steuerflosse. Der W1 war als Spezialboot in Leichtbauweise (ebenfalls mit zug- und druckfesten Senten) für große Wildwasserfahrten und Kajakslalom mit Spritzdecke, Eskimoschürze und Anorak ausgerüstet. Die S-Modelle hatten Gitterträger und eine Waschbordbefestigung ohne lose Schrauben und Muttern. Pionier versprach vollkommene Wasserdichtigkeit des Süllrandes durch eine Dichtungswulst und einen lückenlosen Verdeckstoffrand. Ab 1938 hatten alle Modelle ein Fußsteuer mit Längen-Feineinstellung. Die P-Modelle hatten eine einfache, nicht behindernde Gerüstversteifung. Alle Häute waren silberfarben, alle Oberdecks ‚fliegerblau‘.“ (nach Kanu-Sport 1938 – Quelle: http://www.faltbootbasteln.de/fbb-pionier_faltboote.html)

Die Pionier-Faltboote fanden schnell große und treue Freunde, z. B. CIL Luther. Er stellte die Pionier-Faltboote bei verschiedenen Veranstaltungen vor, u. a. bei der Isar-Regatta. Auch Rudolf Schallmoser paddelte bei seiner Befahrung der Partnachklamm im September 1949 in einem Pionier-Faltboot.

„Als in den 1930-er Jahren der Münchner Dr. Max Eckart den Vorsitz im DKV übernahm, nahm der Rennsport in Bayern riesigen Aufschwung. Neben Faltboot-Regatten wurden immer mehr Kajak-Rennen durchgeführt. Das war auch für Pionier Anlass, eigene Rennfaltboote zu konstruieren, deren Laufeigenschaften denen der Wanderboote deutlich überlegen waren.“ (Quelle: Chronik 40 Jahre Bayerischer Kanu-Verband 1964)

Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gewann der Franzose Henri Eberhardt in einem Pionier-Modell die Silbermedaille über 10.000 m im Faltboot-Einer.

Der Zeit entsprechend blieben NS-Verstrickungen des Betriebs und seines langjährigen Direktors bis hin zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern nicht aus. Ebenso wie das aufgenähte Hakenkreuz. Der Kanupionier Oskar Speck, der von 1932 bis 1939 von Ulm nach Australien paddelte, hatte es im Vorsegel seines Zweier-Faltboots. Die Faltbootwerft Pionier unterstützte Speck und lieferte ihm jeweils Ersatz, wenn ein Boot nicht mehr einsatzfähig war (insgesamt vier Boote).

Ein Pionier-Boot war nicht gerade „billig“, aber bekannt für hervorragende Qualität. „Wer ein Faltboot kauft und sein gewiß nicht leicht verdientes Geld dafür hinlegt, kann mit Recht höchsten Gegenwert verlangen ... Wir verwenden daher für alle Holzteile das zwar teure, aber besonders zähe Eschenholz in ausgesuchter Qualität. Um eine besonders lange Lebensdauer zu erzielen, werden alle Holzteile zweimal in hochwertigen Bootslack getaucht. Alle Metallteile sind rostfrei, die Steven- und Waschbordspitzenbeschläge als besondere Zierde des Bootes hochglanz verchromt. Als Bootshaut vernähen wir auf Grund langjähriger praktischer Erprobung die Silberhaut mit einem starken Kerngewebe und einer feinfädigen Außenauflage. Jede Bootshautlieferung wird vor der Verarbeitung im Betrieb mit Spezialprüfeinrichtungen auf größte Haltbarkeit geprüft. Bootsdeck und Spritzdecke bestehen aus kräftigem, indanthren-gefärbtem und imprägniertem, königsblauem Baumwollsegeltuch.“ (Quelle: Pionier Prospekt, 1950er Jahre / https://kanugeschichte.net/firmen.html)

In den 1950er Jahren konnten sich viele Menschen ein Auto oder Hotelübernachtungen noch nicht leisten, weshalb ein Urlaub mit Boot und Zelt zunächst noch attraktiv war – auch wenn ein neues Faltboot leicht ein bis zwei Monatsgehälter kostete. Die aufkommenden Kunststoffboote waren deutlich preisgünstiger.

Zum 40-jährigen Jubiläum schrieb HUS einen Artikel über die Pionier-Faltbootwerft für die Zeitschrift KanuSport (Ausgabe 4/1965).

Pionier stellte sich auf die neuen Zeiten ein und produzierte in den 1970er Jahren Bootsrahmen und Spanten aus Kunststoff, lt. einem Werbeblatt von 1964 auch den Plastik-Einer „Torpedo“ mit 4,30 m Länge, 63 cm Breite und 20 kg schwer. Er wurde beworben als „ein sportliches Wanderboot für den zünftigen Paddler auf allen Gewässern, die mit einem Kajak befahren werden können.“ Doch die neuen Boote brachten nicht den erhofften Umsatz. 1970 stellte die Pionier-Faltbootwerft den Betrieb ein.

Text: Uschi Zimmermann (07-2026)

* Reinhold Messner war 1970 mit Pionier-Zelten aus Bad Tölz am Nanga Parbat unterwegs (nachgewiesen anhand von Fotos).

Zurück zur Übersicht